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Freitag, 20. Juli 2012

Der Autor ist tot! Es lebe die Autorin...


Ist von Autorschaft und Geschlecht die Rede, so geht es besonders um die Sichtbarmachung von Frauen in der Literatur, Autorinnen also. Was aber immer mitschwingt, ist der Diskurs um die Leserin sowie letztlich auch um die Literaturwissenschaftlerin.

Von einer postgender-Debatte, wie sie derzeit in den Medien geführt wird, sollte hier nicht die Rede sein. Nachdem die Literatur von Frauen so lange wenig bis unbeachtet geblieben ist, wird die Forderung nach einer Beachtung selbiger spätestens ab den 1970er Jahren laut. Die Kategorie „Geschlecht“ zur Einordnung von Literatur erfährt berechtigte Aufmerksamkeit.

Und das, obwohl Roland Barthes erst 1968 den "Tod des Autors" ausgerufen hatte und stattdessen dem Text mehr Aufmerksamkeit widmen wollte.

Sonntag, 15. April 2012

Gelesen: EMMA-Dossier zu Frauen in Studium und Wissenschaft

18 Prozent. Was für die FDP wohl immer unerreichte Utopie bleiben wird, ist für die Frauen in der Wissenschaft Wahrheit. Allerdings gibt es für sie keinen Grund, sich über die 18 Prozent zu freuen. Denn die 18 Prozent stehen für die Anzahl von weiblich besetzten Professuren in Deutschland.

Für Leute, die wie ich, eine Geisteswissenschaft studieren, mag das nach wenig klingen, sind in diesem Bereich doch relativ viele Frauen in hohen Positionen vertreten. Aber ein Blick in Institute jenseits der Germanistik etc. zeigt, dass dort vor allem Männer die Professuren besetzen. Und auch die Rektor_innenposten an deutschen Hochschulen werden laut EMMA vor allem von ihnen besetzt (89 Prozent).

Sonntag, 17. Juli 2011

Frauendiskurse: 1950er – „Selbst ist die Frau“ ?!

Die 1950er stehen für den Wiederaufbau traditionaler Familienstrukturen und damit einhergehend für eine erneute „Verhäuslichung“ der Frau. Zwar steht im Grundgesetz die Gleichberechtigung festgeschrieben. Da aber das Ehe- und Familiengesetz noch nicht angeglichen ist, darf nach wie vor der Mann über seine Frau, deren Berufstätigkeit etc. bestimmen. „Erneut [wird] die Mutterschaft zum wichtigsten Beruf einer Frau erklärt. [...] 1960 [sind] weniger als 25 Prozent eines Studienjahrgangs weiblich. Mit ihrem Frauenleitbild [fällt] die Republik weit hinter die 1920er Jahre zurück. [1]“ Die vielfach bestehenden „Mutterfamilien“, also die Familien, deren Männer/Väter nicht heimkehren, geraten vielfach in Kritik.

Heinz Rühmann auf einem
Constanze-Cover
Währenddessen inszeniert sich die Frauenzeitschrift Constanze modern. 1950 übertitelt sie einen ihrer Artikel mit „Ich ernähre meinen Mann“ [2]. Constanze informiert zudem über „ausgefallene Frauenberufe“ und beschreibt „[wie] man Tontechnikerin wird [3]“. Generell scheint sich, trotz der Belastung durch Haushalt und Familie, die berufstätige Frau durchzusetzen. „Ein wachsendes Angebot an Frauenarbeitsplätzen – etwa mit der Feminisierung der Angestelltenberufe – [wirkt] dabei ebenso mit wie die Erfahrung der Mütter im Krieg, daß [sic!] eine Ehe letztlich doch keine sichere Lebensperspektive [4]“ bietet.
Zwar druckt Constanze etwa Fotos strickender Jungen [5], vernachlässigt aber auch „klassische Frauenthemen“ nicht. Sie informiert über das richtige Verhalten, wenn der Braten verbrannt ist, wie Kakaoflecken zu entfernen sind und wie das Haushaltsbuch richtig geführt wird. So schafft die Brigitte-Vorgängerin wohl den Spagat zwischen Lebenswirklichkeit der Leserinnen und dem Wunsch nach emanzipatorischem Fortschritt. 

Denn eines darf man nicht vergessen: Eine neue Generation von Frauen wächst heran. Aus ihr wird in den 1960er Jahren die zweite Welle der Frauenbewegung hervorgehen.



[1] Michaela Karl: Die Geschichte der Frauenbewegung. Stuttgart 2011. 123.
[2] Constanze – die Zeitschrift für die Frau. 5. Heft, 3. Jahrgang, März 1950. S. 8-9.
[3] Ebd. S. 37.
[4] Kathrin Pallowski: Wohnen in halben Zimmern. Jugendzimmer. In: Angela Delille und Andrea Grohn (Hrsg.): Perlon Zeit – wie die Frauen ihr Wirtschaftswunder erlebten. Berlin 1985. S. 29. (Readerseite 338).
[5] Constanze – die Zeitschrift für die Frau. 6. Heft, 5. Jahrgang, März 1952. S. 49.

Mehr zu Constanze - hier.

Samstag, 16. Juli 2011

Frauendiskurse: 1940er – Trümmerfrauen

Millionen Männer fallen im Zweiten Weltkrieg, gelten als vermisst oder sind in Gefangenschaft. Die Frauen, welche sich in den letzten zehn Jahren auf die Familie konzentriert haben, sind nun auf sich allein gestellt. „Vier Millionen Frauen [ernähren] sich und ihre Familien allein, zweieinhalb davon [sind] Kriegerwitwen. [1]“ Als Trümmerfrauen tragen sie zudem maßgeblich zum Wiederaufbau der zerstörten Städte bei.

Der bestehende „Männermangel“ sorgt dafür, dass Frauen als Arbeitskräfte wieder interessant werden. Sie sichern „in den ersten Nachkriegsjahren den Fortbestand der Produktion – mit einem Lohnunterschied zu ihren männlichen Kollegen, der bis zu 50 Prozent betragen [kann]! [2]

1948 wird das neue Grundgesetz ausgearbeitet. Es ist nicht zuletzt den Frauen im Ausschuss zu verdanken, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter zum Verfassungsgrundsatz wird [3].



[1] Michaela Karl: Die Geschichte der Frauenbewegung. Stuttgart 2011. 117.
[2] Vgl. ebd.
[3] Vgl. ebd. 121. Vgl. auch Ingrid Langer: In letzter Konsequenz. Die Gleichberechtigung in Grundgesetz und Bürgerlichem Gesetzbuch. In: Angela Delille und Andrea Grohn (Hrsg.): Perlon Zeit – wie die Frauen ihr Wirtschaftswunder erlebten. Berlin 1985. S. 72-81. (Readerseiten 339-343).

Freitag, 15. Juli 2011

Frauendiskurse: 1930er – "Frauen an den Herd"

Die 1930er Jahre bedeuten für die Frauenemanzipation eine Zäsur. Berufstätigkeit wird verpönt. Um die Frauen davon zu überzeugen, ihre Berufstätigkeit zu beenden und zu heiraten, werden ihnen von den Arbeitgebern Einmalzahlungen von mehreren hundert Reichsmark angeboten. Auch von politischer Seite gibt es mit dem „Gesetz zur Verminderung der Arbeitslosigkeit“ (1933) und den darin verankerten Ehestandsdarlehen Anreize für die Frauen, sich fortan um ihre „natürliche“ Aufgabe zu kümmern: Reproduktion und Pflege der Familie (1). 1938 wird zu eben diesem Zweck das Mutterkreuz eingeführt. Verhütung wie auch Abtreibung steht übrigens unter Strafe. 

Das Habilitationsrecht wird den Frauen wieder entzogen und durch systematische Beschränkungen werden auch Ärztinnen, Anwältinnen, Richterinnen, Schuldirektorinnen etc. immer seltener. Die Anzahl der Studentinnen darf nicht mehr als zehn Prozent betragen (2).

Frauen im Nationalsozialismus dürfen allerdings nicht ausschließlich als Opfer angesehen werden. Sie tragen das System mit. Teile der Frauenbewegung sind aktiv mit der NSDAP verbandelt. „Nationalismus, Antisemitismus, Antikommunismus und Rassismus finden sich tatsächlich in vielen Texten der bürgerlichen Frauenbewegung. (3)“ 


(1) Vgl. Michaela Karl: Die Geschichte der Frauenbewegung. Stuttgart 2011. 109.
(2) Vgl. jeweils ebd. f.
(3) Karl 111.

Donnerstag, 14. Juli 2011

Frauendiskurse: „Die Goldenen Zwanziger“ und die „Neue Frau“

Marlene Dietrich, 1929
Die erste Welle der Frauenbewegung ist in den 1920er Jahren an einem Tiefpunkt angelangt. Viele der Forderungen der Frauen sind durchgesetzt. Die wichtigste: Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erhalten Frauen das aktive und passive Wahlrecht für die Nationalversammlung (1). Außerdem wird 1920 das generelle Habilitationsrecht für Frauen eingeführt. Nach zehn Jahren gibt es deutschlandweit 24 Professorinnen. Das kann allerdings nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass die überwiegende Mehrheit der berufstätigen Frauen in prekären Verhältnissen lebt. Typische Frauenberufe nach dem Ersten Weltkrieg sind vor allem in der Landwirtschaft und in der Heimarbeit zu finden. Unqualifizierte Arbeiterinnen schuften in Fabriken und müssen in Zeiten der Weltwirtschaftskrise mit vermehrten Entlassungen rechnen. Sie werden für die Massenarbeitslosigkeit mitverantwortlich gemacht. „Frauenerwerbsarbeit und Frauenemanzipation [werden] zur Hauptsache aller Probleme der modernen Gesellschaft erklärt (2).“

Im kulturellen Gedächtnis bleibt im Kontext „Frau in den Zwanzigern“ trotzdem vor allem die „Neue Frau“ (3), auch wenn sie insgesamt eher selten anzutreffen ist. Jenseits von bestehenden Moralvorstellungen und Stereotypen verwirklicht sie sich vor allem in den Großstädten. Sie trägt Bubikopf, weite Hosen, ist „geistig und finanziell unabhängig und [führt] ein sexuell selbstbestimmtes Leben“. Vicki Baum sorgt mit ihren Romanen, allen voran Stud. chem. Helene Wilfüer (4), für den literarischen Unterbau der „Neuen Frau“, verbirgt jedoch ungleich dem Mythos der Neuen Frau nicht, dass ein selbstbestimmtes Leben mit zahlreichen Problemen verbunden ist. 

Das erkennt auch Robert Musil, als er 1929 schreibt: „Das, was man die neue Frau nennt, ist ein etwas verwickeltes Wesen; sie besteht mindestens aus einer neuen Frau, einem neuen Mann, einem neuen Kind und einer neuen Gesellschaft. (5)" Die Frauen nehmen ihr Leben selbst in die Hand. Studieren. Arbeiten. Musil beobachtet hierbei allerdings mädchenhafte Unsicherheit beim Besetzen der neuen Rollen (6).


(1) Anfang 1919 machen 19 Millionen Wählerinnen davon Gebrauch. 37 Frauen ziehen schließlich in die Nationalversammlung ein. Vgl. Michaela Karl: Die Geschichte der Frauenbewegung. Stuttgart 2011. S. 101.
(2) Ebd. S. 102f.
(3) Vgl. etwa Frauen und Frauenfiguren wie Marlene Dietrich, Coco Chanel
(4) Ein Roman über die Schwierigkeiten junger Studentinnen. Thematisiert werden u.a. Abhängigkeitsverhältnisse und Abtreibungsproblematik. Der Roman verkauft sich allein bis 1931 über 100.000 Mal.
(5) Robert Musil: Die Frau gestern und morgen. In: Friedrich M. Huebner: Die Frau von Morgen wie wir sie wünschen. Leipzig. 1929. S. 91.
(6) Vgl. ebd. S. 101.

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Kitsch - Texte und Theorien erschienen bei Reclam

Wer hat nicht mindestens fünf der kleinen gelben Reclam-Heftchen im Regal stehen? Hier ist noch ein Bändchen, das sich optisch ganz wundervoll in Deine Schul- und Unilektüre einfügt.

Der Kitsch-Band führt nicht nur in die Kitsch- und Campdiskussionen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert ein. Nein, er kitscht auch selbst fleißig. Winnetou-Auszüge von Karl May und das herrliche "Mimili" von H. Clauren sind nur zwei Belege dafür, dass Kitsch irgendwie auch schon immer interessant war. 

Die Herausgeber_Innen Ute Dettmar und Thomas Küpper haben mit ihrer Auswahl der Texte einen guten Überblick geschaffen. Einführend stellen sie am Beginn jedes Kapitels die prägnanten Eckpunkte der aktuellen Diskussion heraus und geben weiterführende Literatur an. Schließlich kommen immer auch die Poeten und Theoretiker der jeweiligen Zeit selbst zu Wort.

Zum Kitsch äußern sich also zum Beispiel Kant, Schiller und Goethe, dann Musil, später Fronemann und Ackerknecht, dann Benjamin, Bloch und Adorno, auch Bourdieu und schließlich Flusser und Sontag. (Susan Sontags "Notes on Camp" findest Du übrigens auch hier).

"Ich warne dich, leichtfertig mit dem Ausdruck Kitsch umzugehen!" Frank Wedekind, Kitsch.