Montag, 19. August 2013

Gelesen: Das Erbe von Rutu Modan

Schweden als Sehnsuchtsort - friedlich, idyllisch, natürlich, fern von allen Problemen - das ist der zeichnerische Rahmen von Rutu Modans Graphic Novel Das Erbe. Warum die Berge, der See, die kleinen Holzhäuser und die schwedische Flagge den Vor- und Nachsatz zieren ist nicht von Beginn an klar. Schließlich geht es um eine jüdische Familiengeschichte, die Modan da teilweise autobiographisch ausbreitet. Eine Geschichte, die irgendwann mal in Warschau begann, die von der Emigration nach Israel und einer Liebesgeschichte erzählt. Ausgangspunkt der Erzählung ist aber die genau umgekehrte Bewegung. 

Mika begleitet ihre Großmutter, die Anspruch auf ein altes Erbe erheben will, zurück nach Warschau. Das ist es zumindest, was sie ihrer Enkelin erzählt. In Wirklichkeit geht es um eine alte Liebe zwischen der Jüdin und einem Polen, die durch den Zweiten Weltkrieg ein jähes Ende fand. Noch bevor die beiden ihre Pläne wahrmachen konnten, gemeinsam nach Schweden auszuwandern...

Die Erzählung ist aus Sicht der jungen Redakteurin Mika verfasst, die sich in der polnischen Hauptstadt zurecht finden muss, die vor Geschichte - auch ihrer eigenen Familiengeschichte - nur so strotzt. Es ist keine gemütliche Reise, die sie da mit ihrer Oma angetreten ist. Fast wie eine Detektivin versucht sie herauszufinden, was es mit dem Erbe auf sich hat und was ihre Großmutter wirklich bewegt. Und ja - auch Mika erlebt eine Liebesgeschichte. 

Das Erbe erzählt eine Familiengeschichte, die individuell, aber sicher nicht einzigartig ist. Die Enteignung der Juden, Fluchtbewegungen, Familiengeheimnisse... Rutu Modan widmet sich sensibel einem schwierigen Themenkomplex und erweckt gleichermaßen Empathie für die verschwiegene Großmutter Regina, wie auch für die suchende Mika. 

Rutu Modan selbst sagt "Nach meiner Erfahrung ist nichts ausschließlich ernst, ausschließlich traurig oder ausschließlich komisch." Und das ist es auch, was ihre Geschichte ausmacht.

Modan zeichnet ihre Geschichte in bunten Farben, je nach Thema mehr (ein Stadtbummel) oder weniger (ein Friedhofsbesuch) leuchtend. Rückblenden in die Zeit vor und während dem Zweiten Weltkrieg sind in sepia gehalten und erhalten damit den Charakter alter Photographien.

Für Das Erbe hat Rutu Modan eine spezielle Technik angewendet, wie sie dem Guardian erzählt hat: "I hired actors to act out every panel in the book and drew from that." Photographien als Storyboards für die Panels, die Wert auf Mimik und jede noch so kleine Gestik legen. Und auch von den Figuren abgesehen zeichnet sich Das Erbe durch Detailreichtum aus.  

Einen Blick in das Sketchbook der Zeichnerin, die auch mal eine Weile verantwortlich für die israelische Ausgabe des Mad Magazine war, gewährt eben der Guardian

Die Graphic Novel ist Ende Juli im Carlsen Verlag erschienen. Das wertige Hardcover kostet nicht ganz 25 Euro.

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